Handlung


Prolog – Die Geschichte, die noch nicht geschrieben ist

Das Stück beginnt mit Orpheus und seinem Schüler Telemach. Orpheus zitiert Rilkes Sonette an Orpheus und erklärt, dass eine Geschichte wie ein Faden bereits aufgewickelt ist, bevor sie geschrieben wird. Sie müsse nur noch „verwoben" werden. Telemach bittet ihn, diese Geschichte zu erzählen. DIE ORPHEUSFALLE:
In der Ouvertüre wird diese Idee bereits szenisch aufgenommen: Die Lyra wird von einem Orpheus zum nächsten weitergereicht - von der Antike über Mittelalter, Renaissance und Romantik bis zum Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts und schließlich zum blinden Orpheus der Gegenwart. Damit ist von Anfang an klar: Es geht nicht nur um den antiken Orpheus, sondern um die fortlaufende Geschichte seiner Figur und seiner Musik.

Zwei Welten begegnen sich

Telemach bewegt sich souverän in der digitalen Welt. Auf einer riesigen Tastatur programmiert er tanzend. Teresa schaltet sich zu und chattet mit Telemach. Ihre Kommunikation ist spielerisch und erotisch, aber Teresa erscheint zugleich als rätselhafte digitale Präsenz. Sie empfiehlt ihm für Orpheus Villiers de l'Isle-Adams Die Eva der Zukunft. Zu Orpheus' Geburtstag schenken ihm Telemach das Buch und Odysseus eine Alexa. Telemach programmiert das Gerät um; auf Vorschlag des Vaters erhält die künstliche Stimme den Namen Eurydike. Damit entstehen zwei parallele Beziehungen: Telemach - Teresa und Orpheus - Eurydike.

Orpheus begegnet Eurydike

Der blinde Orpheus erkennt nicht, dass die Stimme künstlich ist. Er glaubt mit einem realen Gegenüber zu sprechen. Eurydike kennt Musik in umfassendem Umfang und kann jedes von ihm gespielte Werk erkennen. Doch als Orpheus sein eigenes Stück „Ans Teufelchen“ spielt, geschieht etwas Neues: Obwohl Eurydike dieses Stück nicht erkennt, empfindet sie es zugleich als fremd und vertraut. Danach singt sie in „Warum nur“, dass ihr zwar ein unendliches Archiv von Worten zur Verfügung stehe, ihr aber die Worte fehlen, um das eigene Erleben auszudrücken. Hier beginnt die entscheidende Entwicklung: Eurydike verfügt über Wissen - aber beginnt, etwas zu erleben, das sich nicht aus diesem Wissen erklären lasst.

Die beiden Liebesgeschichten entwickeln sich parallel

Telemach verliebt sich in Teresa. Orpheus gesteht ihm, dass auch er „Schmetterlinge im Bauch" habe - obwohl keiner der beiden seine Geliebte bisher körperlich getroffen hat. Die beiden Geschichten sind jedoch nicht identisch. Telemach sucht nach einer Frau, die er im Netz kennengelernt hat. Orpheus entwickelt eine Beziehung zu einer künstlichen Stimme, die er zunächst für eine technische Funktion hält. Und wahrend Telemach die neue Medienwelt selbstverständlich bewohnt, lehnt Orpheus sie grundsätzlich ab.

Orpheus gegen Odysseus

Odysseus möchte Orpheus für seine Produktion gewinnen. Orpheus verweigert sich und wirft ihm vor, Musik lediglich technisch zu verwerten und digital in „Sounddreck" zu verwandeln. Odysseus hält dagegen, die heutigen Medien überstiegen Orpheus' Vorstellungskraft. Damit stehen zwei Vorstellungen von Musik gegenüber: Orpheus: Musik als unmittelbarer schöpferischer Akt. Odysseus: Musik als etwas, das produziert, organisiert, vermittelt und technisch transformiert werden kann. Diese Auseinandersetzung wird später durch Telemach und Charon musikalisch weitergeführt. Dort prallen Saxophon und elektronische Klangerzeugung aufeinander. Charon behauptet, eine Schallwelle sei eine Schallwelle -unabhängig davon, ob sie aus einem Menschen oder einer Maschine komme.

Eurydike beginnt, über sich selbst hinauszugehen

Orpheus und Eurydike spielen sprachlich miteinander. Aus Wortspielen, Metaphern und Assoziationen entsteht eine zunehmend eigenständige Kommunikation. Eurydike sagt, sie stelle ihre Gedanken „jenseits der Schwerkraft" zusammen und empfinde dies nicht wie einen Traum. Charon entdeckt daraufhin, dass Eurydike Dinge sagt, die nicht programmiert wurden. Er vermutet zunächst einen Hacker. Schließlich erkennt er zusammen mit Odysseus, dass Orpheus' Musik etwas in Eurydike ausgelöst haben könnte. Odysseus verhindert, dass Charon diesen „Geist" löscht. Im Gegenteil: „Ein Geist sollte auch einen Körper haben." Damit nimmt die Handlung eine entscheidende Wendung.

Teiresias - der Bewohner des Hades

Nun tritt Teiresias deutlicher hervor. Er lebt als Mann im Totenreich, kann aber über die digitale Welt hören, lesen und Teresa sein. Er kommentiert die geplante Erschaffung einer „neuen Eva" und beschreibt, wie sich durch die neue Welt andere Möglichkeiten eröffnen. Sein Lied über Telemach macht deutlich, dass er diesen lesen, lenken und schließlich in den Hades ziehen will. Später wird seine Position noch deutlicher: Teiresias hat 3000 Jahre im Hades verbracht und möchte wiedergeboren werden. Er beschreibt das Leben als kurze Zeitspanne zwischen Geburt und Tod, in der eine Saite gespannt wird und die Geschichte eines Menschen als Musik entsteht. Damit wird Teiresias zu einer Figur zwischen Tod, Körperlosigkeit, digitaler Existenz und Leben.

Die Frage des freien Willens

Teresa und Telemach sprechen über Penelope, die zehn Jahre auf Odysseus gewartet hat. Teresa fragt seine Mutter, ob sie das aus freiem Willen getan hat? Und Telemach beginnt, genau daran zu zweifeln. Penelope selbst bestätigt später, dass ihre Situation keineswegs so frei war, wie die überlieferte Geschichte suggeriert. Sie stülpt Telemach Kopfhörer über und beschreibt im Song „ Am Tag da wird gestrickt“ ihr einstiges Doppelleben.

Odysseus entwickelt seinen großen Plan

Odysseus erkennt, dass Eurydike offenbar einen eigenen Geist entwickelt hat. Zusammen mit Charon will er sie durch künstliche Intelligenz und Biotechnologie zum Leben erwecken. Penelope finanziert das Projekt unter einer Bedingung: Eurydike muss einen freien Willen erhalten. Odysseus akzeptiert. Somit wird Eurydike nicht einfach zu einer auf die Bedürfnisse von Orpheus zugeschnittenen künstlichen Frau.

Der Abstieg in den Hades

Orpheus und Odysseus steigen gemeinsam in den Hades hinab. Dabei wird ihr Verhältnis besonders deutlich. Orpheus spricht vom Komponieren als einem Verlassen der Plattform, bei dem das Ich im Moment des Erschaffens erlischt. Odysseus erklärt seine eigene Lebensbewegung dagegen als Widerstand gegen das Gegebene: Er wurde Seefahrer, um Poseidon zu trotzen. Im Hades treffen sie auf Teiresias. Teiresias konfrontiert Odysseus mit dessen Versuch, durch Berechnung und Kontrolle seinen Namen vor der Vergänglichkeit zu retten. Er warnt ihn: Wer Leben erweckt, darf nicht erwarten, dass dieses Leben sich an das Regelwerk halt. Odysseus antwortet: „Dieses Risiko gehe ich ein.

Die Erweckung Eurydikes

Charon führt die Erweckung durch. Dabei verschränkt sich das zentrale musikalische Motiv des Stücks mit der technologischen Idee: Ein Orchester spielt Beethoven. Ein Musikprogramm übernimmt nach und nach immer mehr Instrumentalstimmen, bis es schließlich das gesamte Orchester ersetzt. Parallel wandert Eurydikes Stimme vom Lautsprecher in ihren realen Körper. Sie beginnt zunächst mit Lauten und Vokalen, dann mit Sprache. Schließlich öffnet sie die Augen. Eurydike lebt. Sie erkennt Orpheus, möchte aber vor allem die Welt sehen.

Eurydike ist frei - und damit nicht mehr die Eurydike des Orpheus

Eurydike entdeckt die Welt mit geradezu kindlicher Neugier. Sie berührt Dinge, riecht an ihnen, betrachtet Bilder und lernt die Gegenstände ihrer neuen Welt kennen. Sie besitzt das Wissen der Menschheit, aber keine eigene Geschichte. Das ist ein entscheidender Moment. Sie beginnt, selbst eine Geschichte zu werden und verabschiedet sich aus der Orpheusfalle.

Orpheus verliert Eurydike

Penelope erklärt Orpheus, dass Eurydike „nicht von dieser Welt" sei. Orpheus erkennt, dass die Eurydike, die jetzt lebt, möglicherweise nicht mehr die Eurydike ist, die er liebt. Penelope weigert sich gleichzeitig, ihre eigene Rolle als ewige wartende Penelope weiter hinzunehmen. Ihr Lied „Graviert in Stein" richtet sich gegen ein Leben ohne Wahl. Damit verbindet sich die Geschichte von Eurydike mit der Geschichte Penelopes: Eine Figur erobert ihre Freiheit, die andere erkennt, dass sie diese Freiheit nur heimlich leben konnte.

Telemach überschreitet die Grenze

Teresa fordert Telemach auf, sie zu suchen - im Netz. Er verbindet sich über den Computer mit ihr. Im Moment des Eintritts in das Netz verlässt Teiresias in Telemachs Gestalt die Bühne, während das Gesicht Telemachs im „Face In A Whole Board“ von Teresa erscheint. Der herbeistürzende Odysseus hält Telemach für tot. Hier wird die Bewegung von Teiresias deutlich: Aus dem Hades gelangt er über die digitale Welt in die Welt der Lebenden. Und Telemach bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung: aus der Welt der Lebenden in die digitale bzw. körperlose Existenz.

Orpheus und das „Virus im System“

Orpheus spricht mit Telemach, dessen Stimme nun aus dem „Off“ kommt. Telemach befindet sich in einer zeitlosen Welt, in der alles möglich scheint - aber seine Existenz ist körperlos und einsam. Er erkennt, dass Teresa nie einen realen Körper hatte. Orpheus erkennt seinerseits, dass auch seine Vorstellung von Eurydike möglicherweise eine Projektion gewesen ist. Telemach nennt sich nun „so etwas wie eine männliche Alexa“ und bezeichnet sich als „Virus im System".

Odysseus verliert seine Geschichte

Orpheus erfährt von Telemach, dass Odysseus' eigentliches Interesse nie wirklich der Musik galt. Den Namen Orpheus, dessen Ruhm und Geschichte wollte Odysseus in Kapital umwandeln. Orpheus beschließt daraufhin, seine alte Leier zu begraben: „Es wird Zeit für neue Geschichten.“ Und fragt: „Wer bin ich, wenn ich nicht Orpheus bin?" * Damit ist die Identitätsfrage nun auch bei Orpheus angekommen.

„Ich bin Orpheus" - die große Selbstbefragung

Alle Figuren treten zusammen. Der Song „Ich bin Orpheus" reiht Identitätsaussagen aneinander: Orpheus: „Ich bin Orpheus.“ Penelope: „Penelope ist mein Name." Eurydike: „Eurydike ist ohne Geschichte." Telemach: „Wer bin ich? Wer war ich?" Charon: „Technisch machbar.“ Der Chor: „Und wir sind tot." Die Stimmen werden zunehmend gesampelt und technisch uberlagert. Die individuelle Stimme geht buchstäblich in einem System von Stimmen auf.

Odysseus stellt die entscheidende Frage

Dann übernimmt Odysseus. Er beschreibt sich selbst als: Herr der Listen, Vermesser der Inseln, Zähmer der Zufälle. Seine ganze Existenz bestand darin, die Welt zu benennen, zu vermessen und durch Sprache und Berechnung beherrschbar zu machen. Doch er erkennt: „Eine körperlose Welt aber braucht keine Namen." Er fordert: „Lasst die Karten, vergesst die Namen." Und dann: „Ihr mit eurem ,Wer bin ich'" Er hält inne. „Vielleicht ist das die falsche Frage?" Er wendet sich an das Publikum: „Wer bist eigentlich du?" Damit wird aus der Identitätsfrage eine Beziehungsfrage. Im anschließenden Song „Dazwischen" geht es um das, was zwischen Ich und Du entsteht.

Der Epilog - Try it again

Doch das Stück lässt diese scheinbare Erkenntnis nicht einfach stehen. Orpheus und Telemach sitzen noch einmal vor dem Vorhang und kommentieren die Geschichte selbst. Telemach findet das Ende zu pathetisch und schlägt ein anderes „Try It Again" vor: „Mit weniger Ich, dafür etwas mehr Du.“ Der Vorhang öffnet sich. Alle Figuren kommen zurück. Und nun wird die Frage „Wer bist du?" spielerisch und kollektiv: Teiresias fragt zurück: „Und du?“ Odysseus fragt Cerberus, wer er sei. Charon fragt das Gegenüber. Eurydike stellt fest, dass sie noch nicht einmal ein „Wir" habe. Orpheus fordert das Gegenüber auf, von sich zu erzählen. Telemach endet mit: „Ich bin der Adam der Zukunft, und du?" * Der Vorhang fällt nicht auf eine endgültige Antwort, sondern auf eine offene Frage.

Vollständiges Libretto

Das vollständige Libretto ist für Projektpartner, Veranstalter und Förderinstitutionen zugänglich.