Eine künstliche Eurydike.
Orpheus, der sie liebt.
Telemach, ein junger Musiker, der sich im Netz in Teresa verliebt.
Teiresias, der Seher der im Hades lebt und als junge Frau im Netz erscheint.
Odysseus, der glaubt, alles berechnen und verfügbar machen zu können.
Eine Welt, in der nicht mehr sicher ist, wer Maschine, wer lebendig,
wer tot - und wer eigentlich Gegenüber ist.
Der blinde Orpheus begegnet Eurydike zunächst als einer künstlichen Stimme.
Aus einem Programm wird eine Persönlichkeit.
Aus Sprache entsteht Beziehung.
Aus Beziehung entsteht der Wunsch nach einem Körper.
Zur gleichen Zeit beginnt Telemach, der junge Musiker und Sohn des Odysseus, eine Beziehung mit seiner
Chatpartnerin Teresa - alias Teiresias, der im Hades lebt.
Während Eurydike aus einer künstlichen Welt ins Leben gelangen soll, schleicht sich Teiresias aus dem Reich der Toten
über die digitale Welt ins Leben.
Zwei Liebesgeschichten. Zwei Bewegungen über die Grenze des Menschlichen.
Und über allem steht Odysseus.
Der Mann der Listen, der Vermessung und der Berechnung. Der Produzent, der Technik und Kapital zusammenbringt.
Der glaubt, Möglichkeiten ließen sich verwirklichen,
wenn man nur über die richtigen verfügt.
Bis er erkennt, dass die entscheidende Frage vielleicht eine andere ist.
Wer bin ich?
Diese Frage zieht sich durch das Stück
Eurydike muss herausfinden, ob sie ein eigenes Ich besitzt.
Telemach sucht seine Identität.
Teiresias lebt zwischen Mann und Frau, Leben und Tod, Körper und virtueller Erscheinung.
Orpheus versucht, durch seine Liebe zu erkennen, wer Eurydike geworden ist.
Und Odysseus versucht, die Welt durch Namen, Karten und Berechnung zu begreifen.
Doch am Ende verwirft er die Frage.
"Vielleicht ist das die falsche Frage?"
Odysseus wendet sich an das Publikum
"Wer bist eigentlich Du"
Damit verändert sich die Perspektive.
Nicht mehr das Ich steht im Mittelpunkt, sondern das Gegenüber
Nicht die Definition eines Menschen, sondern die Beziehung zwischen zwei Menschen.
Und schließlich:.
KOMPOSITION - JAZZ - IMPROVISATION - ELEKTRONIK - SPRACHE
Die Orpheusfalle ist aus einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Spannungsfeld zwischen improvisierter und komponierter Musik entstanden.
Die Musik ist dabei nicht Illustration der Geschichte, sie ist eine Figur der Orpheusfalle.
Es ist die Musik, die Eurydike einen „Geist" zu geben scheint.
Programmierte Musik wir komponierter Musik gegenübergestellt.
Bei der Erweckung der Eurydike wird das Orchester schrittweise durch ein Musikprogramm ersetzt und am Ende werden die menschlichen Stimmen selbst zu
Samples.
Orpheus steigt in die Unterwelt hinab, um Eurydike zurückzuholen.
Die Orpheusfalle dreht diesen Mythos nicht einfach in die Gegenwart.
Sie zerlegt ihn.
Der Hades wird zum digitalen Raum.
Die künstliche Stimme bekommt einen Namen.
Der Tote erscheint als virtuelle Frau.
Der Musiker begegnet einer Maschine.
Der Vater begegnet seinem Sohn.
Und der Zuschauer wird vom Betrachter zum Du.
Seit mehr als vier Jahrzehnten arbeite ich als Komponist, Gitarrist und Improvisationsmusiker in Freiburg.
In Arbeiten wie "Von Sinnen", nach Texten von Michel Serres, "ZEITWÄRTS", "Five G" und zahlreichen Projekten mit improvisierenden Musikern
habe ich mich immer wieder mit dem Verhältnis von Sprache, Musik, Raum, Technik, und menschlicher Wahrnehmung beschäftigt.
Die Orpheusfalle führt diese Arbeit in eine neue Gegenwart.
Die Lieder mit deutschen Texten singen Araceli Fernández Gonzáles und
Peter Kleindienst. Die Lieder mit englischen Texten singen Ki - Stimmen.
Die Musikbeispiele wurden mit Sibelius erstellt.
Weitere Hörbeispiele findet man oben unter Musik.
Fünf Schauspieler/Sänger besetzen alle Rollen, inklusive dem Chor.
Insofern stellt sich auch hier die Frage:
"Wer ist eigentlich wann, wo, wer?"
Lediglich ein
FACE IN A HOLE BOARD
steht für die Illusionen der virtuellen Welt -
und zeigt die Gesichter der körperlosen Akteure.